Vor 10 Minuten im gelben Metrotram, Linie M8, Haltestelle Allee der Kosmonauten. Ich steige ein, setze mich auf einen freien Platz. Bei der nächsten Haltestelle leert sich der Wagen, nur wenige Menschen steigen zu. Dann aber tritt ein wahrer Kolloss durch die bereits schliessende Tür, stampft an mir vorbei und bleibt stehen. Ein Riese. Schwarze, halblange Haare, schwarzer Bart. Schwarzes T-Shirt unter schwarzer Lederweste, schwarze Jeans und schwarze, ausgelatschte Lederschuhe. Auch die Schnürsenkel sind pechschwarz. Sein Blick ist zumindest düster und wenn er durchs Tram schweift, dann weichen die anderen Augenpaare dem stechenden Mörderblick eilends demütig aus.
Vorne auf der Lederweste ist ein kleiner Aufnäher dran. Ich riskiere meine Gesundheit, pirsche mich unauffällig und scheinbar unbeteiligt gelangweilt heran, um die Aufschrift zu entziffern: Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure, als an die Gerechtigkeit der Deutschen Justiz.
Naja.
Der Mann ist böse und das womöglich mit gutem Grund. Der Totenkopf, mit Rosen bekranzt, der seinen breiten Rücken ziert, galt für lange Zeit als Insignie furchteinflössender Bosheit. Die Symbole zementierten seinen Rang als Gegenpol des Guten, als Brutstätte jeglicher Gefahr. Doch diese Position hat er nun verloren. An grossbusige Mütter in viel zu engen, weissen Jeanshosen und muskelbepackte, gelfrisierte Kerle, die mehr Zeit auf der Solariumliege als auf der Schulbank verbracht haben.
Nein, ich habe nichts gegen Bekleidung, die den Träger als Bestandteil einer bestimmten Gruppe ausweist. Doch die tätowierte Totenkopfromantik mit perlenbesetzten Blumenfeldern auf den Kleidern der Marke Ed Hardy kann ich nicht gutheisen. Ohne jemanden kränken zu wollen, diese überteuerten Fetzen sind nichts als ein Zeichen von Stillosigkeit und eine Art von modischem Terror. Sie rauben dem vermeintlich bösen Rocker seine Gefährlichkeit und seine Würde. Einst Schrecken aller Grossmütter und das Vorbild pubertierender Vorstadtkinder, steht er nun, zumindest modisch, auf einer Höhe mit vermeintlichen Trendsettern, B-Promis und ihren Nachahmern. Der Rocker ist nicht mehr böse. Seine Kleidung nicht mehr gefährlich. Er ist in. Was kann ihm Schlimmeres passieren?
Verzeiht mir, aber ich bin nicht gewillt, ein Foto mit Ed Hardy-Romantik zu verbreiten.









